{"id":2,"date":"2015-06-12T10:02:48","date_gmt":"2015-06-12T08:02:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wuepostkolonial.noblogs.org\/?page_id=2"},"modified":"2015-12-11T13:57:46","modified_gmt":"2015-12-11T12:57:46","slug":"deutscherkolonialismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wuepostkolonial.noblogs.org\/?page_id=2","title":{"rendered":"Deutscher Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p>Im Folgenden soll ein kurzer \u00dcberblick \u00fcber die koloniale Geschichte des Deutschen Reichs gegeben werden.<\/p>\n<p>Die Voraussetzung f\u00fcr den deutschen Kolonialismus wurde 1871 mit der Proklamation des Deutschen Reiches in Versailles geschaffen. Als nun gesamtdeutscher Nationalstaat auf der Basis v\u00f6lkischer Zugeh\u00f6rigkeitsideologien konnte das Deutsche Reich innerhalb Europas schnell an Einfluss gewinnen.<br \/>\nZwar gab es auch vor 1871 schon Bestrebungen kolonialer Aneignung durch deutsche H\u00e4ndler_innen und Adlige, wie die von Karl V. an die Augsburger Welser verpf\u00e4ndete &#8220;Welser-Kolonie&#8221; in Venezuela, die 1669 von der &#8220;Niederl\u00e4ndischen Westindien-Kompanie&#8221; an die Grafschaft Hanau vergebenen Gebiete zwischen Orinoco und Amazonas oder das zwischen 1654-1659 und 1660-1693 vom Herzogtum Kurland besetzte &#8220;Neukurland&#8221; in Tobago.<strong>\u00b9<\/strong> Allerdings wurden erst nach Reichsgr\u00fcndung Kolonien von Deutschen unter den Schutz des Reiches gestellt.<\/p>\n<p>Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich, stark beeinflusst von <em>wei\u00dfen<\/em> Theoretiker_innen der Aufkl\u00e4rung, sozialdarwinistische, rassistische Theorien die eine Hierarchisierung nach \u201eRassen\u201c aufgrund naturwissenschaftlicher und anthropologischer Ans\u00e4tze zu \u201ebeweisen\u201c versuchten.<br \/>\nIn der Folge der Konstruktion \u201erassischer Andersartigkeit\u201c der Kolonisierten etablierte sich der Hamburger Carl Hagenbeck 1876 als wichtigster Unternehmer bei der Organisation und Veranstaltung von \u201eV\u00f6lkerschauen\u201c und begr\u00fcndete so eine neue Form von \u201eUnterhaltung\u201c f\u00fcr <em>wei\u00dfe<\/em> Europ\u00e4er_innen. Diese Zurschaustellung von Menschen vor allem in Zoos verbreitete sich in der Folge rasant \u00fcber die ganze Welt.<strong>\u00b2<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1884 errichteten \u201eMissionar_innen\u201c die deutschen Kolonien Togo, Kamerun und \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c (heutiges Namibia). Die kolonialen Bestrebungen im bis dahin vor allem von Herero und Nama bewohnten &#8220;Deutsch-S\u00fcdwestafrika&#8221; wurden ma\u00dfgeblich von der &#8220;Deutschen Kolonialgesellschaft f\u00fcr S\u00fcdwestafrika&#8221; unter reger Beteiligung der Dresdener Bank und der Deutschen Bank getragen.<strong>\u00b3<\/strong><\/p>\n<p>Im gleichen Jahr fand in Berlin die \u201eWestafrika-Konferenz\u201c (auch: &#8220;Kongo-Konferenz&#8221;) statt, in deren Rahmen nationale Handelsinteressen der teilnehmenden Staaten sowie der Umgang mit und die Anerkennung von Kolonialbesitz untereinander und die Aufteilung von 10 Millionen Quadratmeilen Land in Afrika geregelt wurden. Im Nachgang zur Konferenz wurde auf dem Gebiet der heutigen Staaten Tansania, Burundi und Ruanda die Kolonie \u201eDeutsch-Ostafrika\u201c errichtet.<strong>\uf80e<\/strong><\/p>\n<p>Als wichtiges Ereignis f\u00fcr die Bef\u00fcrworter_innen der kolonialen Politik  wurde 1896 in Berlin die \u201eErste Deutsche Kolonialaustellung\u201c ausgerichtet, an der auch \u00fcber einhundert Vertragsarbeiter_innen aus den den Kolonien Togo, Kamerun und \u201eDeutsch-Ostafrika\u201c teilnahmen.<strong>\u2075<\/strong><\/p>\n<p>1899 \u00fcbernahm das Deutsche Reich die Kolonie \u201eDeutsch-Neuguinea\u201c (heutiges Nauru, Papua-Neuguinea, Mikronesien, Marshallinseln, Palau) von der deutschen \u201eNeuguinea-Kompagnie\u201c.<br \/>\nEin Jahr sp\u00e4ter wurde in der Folge des \u201eSamoa-Vertrags\u201c die Reichsflagge zur Gr\u00fcndung der Kolonie \u201eDeutsch-Samoa\u201c (heutiges Samoa) gehisst. Nach der Befreiung der Samoaner_innen von der \u201eArbeitspflicht\u201c kam es zur Ausbeutung und Verschleppung chinesischer Arbeitskr\u00e4fte durch die Kolonisator_innen.<\/p>\n<p>Unter dem Oberbefehl des deutschen Feldmarschall Alfred Graf von Waldersee wurde 1900 ein &#8220;Expeditionsheer&#8221; aus Soldat_innen alliierter Kolonialm\u00e4chte zur Niederschlagung des Aufstands der Yihetuan nach China entsand, darunter etwa 12.000 deutsche Soldat_innen. Sie eroberten am 15.8.1900 die Hauptstadt Peking und pl\u00fcnderten diese drei Tage lang.<strong>\u2076<\/strong><br \/>\nVor der Abreise der deutschen Truppen hielt der damalige deutsche Kaiser Wilhelm II seine ber\u00fcchtigte &#8220;Hunnenrede&#8221;:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Chinesen haben das V\u00f6lkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erh\u00f6rten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. Es ist das um so emp\u00f6render, als dies Verbrechen begangen worden ist von einer Nation, die auf ihre alte Kultur stolz ist. Bew\u00e4hrt die alte preu\u00dfische T\u00fcchtigkeit, zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, m\u00f6gen Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel [\u2026] Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die H\u00e4nde f\u00e4llt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem K\u00f6nig Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der \u00dcberlieferung gewaltig erscheinen l\u00e4\u00dft, so m\u00f6ge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, da\u00df niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!\u201c<\/em><strong>\u2077<\/strong><\/p>\n<p>Auf die Gewalt der Kolonisator_innen reagierend, kam es von 1904 bis 1906 in \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c zu Widerstandsk\u00e4mpfen der Khoikhoin, Nama und Herero. In der ersten Schlacht 1904 gelang es den aufst\u00e4ndischen Herero beinahe, die deutschen Besatzungstruppen zu besiegen. Nach Eintreffen von Verst\u00e4rkung aus dem Deutschen Reich lie\u00df der deutsche General Lothar von Trothar einen Genozid ver\u00fcben, dem etwa 75.000 Herero, Nama, Damara und San zum Opfer fielen.<strong>\u2078<\/strong> Die wenigen \u00dcberlebenden wurden 1907 von deutschen Soldat_innen gebrandmarkt und zur Zwangsarbeit in Konzentrationslagern interniert, wo sie die Sch\u00e4del der Toten von Glasscherben s\u00e4ubern mussten, um diese in anthropologischen Sammlungen auszustellen.<strong>\u2079<\/strong><br \/>\n1905\/1906 verboten die Kolonialverwaltungen in \u201eDeutsch-Ostafrika\u201c und \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c sogenannte \u201eMischehen\u201c und die Diskussion um die \u201eMischlingsfrage\u201c wurde zur Aufrechterhaltung der \u201erassischen Ordnung\u201c im Reichstag diskutiert.<br \/>\nIn Deutsch-Ostafrika kam es infolge der durch den Kolonialverbrecher Hermann von Wissmann verh\u00e4ngten &#8220;H\u00fcttensteuer&#8221; zwischen 1905 und 1908 zu antikolonialen Widerstandsk\u00e4mpfen (Maji-Maji-Aufstand)von breiten Teilen der kolonisierten Bev\u00f6lkerung, wobei zwischen 75.000 und 300.000 Menschen von deutschen Truppen in den Aufstandsgebieten ermordet wurden.<strong>\u00b9\u2070<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurden in Kamerun ebenfalls 200 Widerstandsk\u00e4mpfer_innen durch die Eroberer_innen hingerichtet. Der nach Kriegsende abgeschlossene Vertrag von Versailles teilte die deutschen Kolonien unter den alliierten Sieger_innen des Krieges auf.<\/p>\n<p>Alle am Zweiten Weltkrieg beteiligten M\u00e4chte setzten Ressourcen und Menschen aus den Kolonien ein. Insgesamt k\u00e4mpften und starben mehr Soldat_innen aus dem Globalen S\u00fcden als Europ\u00e4er_innen.<strong>\u00b9\u00b9<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<strong>1<\/strong> Roth, Julia: Latein\/Amerika. In: Arndt, Susan &amp; Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus W\u00f6rtern spricht. (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache (M\u00fcnster 2011, S. 441)<\/p>\n<p><strong>2<\/strong> Sow, Noah: Deutschland Schwarz Wei\u00df. Der allt\u00e4gliche Rassismus (M\u00fcnchen 2009, S. 84-86)<\/p>\n<p><strong>3<\/strong> G\u00fclsen, Deborah Sarah: Die Kolonialgeschichte Deutschlands In: ZAG Antirassistische Zeitschrift: Nummer 70\/2015 Postkoloniale Spurenlese S.10-12 (ISSN: 2192-6719)<\/p>\n<p><strong>4<\/strong> Sow, Noah: Deutschland Schwarz Wei\u00df. Der allt\u00e4gliche Rassismus (M\u00fcnchen 2009, S. 84-86)<\/p>\n<p><strong>5<\/strong> Ebd.<\/p>\n<p><strong>6<\/strong> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yihetuan (abgerufen am 16.06.2015)<\/p>\n<p><strong>7<\/strong> Ebd.<\/p>\n<p><strong>8<\/strong> G\u00fclsen, Deborah Sarah: Die Kolonialgeschichte Deutschlands In: ZAG Antirassistische Zeitschrift: Nummer 70\/2015 Postkoloniale Spurenlese S.10-12 (ISSN: 2192-6719)<\/p>\n<p><strong>9<\/strong> http:\/\/che2001.blogger.de\/stories\/713844\/ (abgerufen am 16.06.2015)<\/p>\n<p><strong>10<\/strong> Clausing, Peter: Naturschutz. In: Arndt, Susan &amp; Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus W\u00f6rtern spricht. (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache (M\u00fcnster 2011, S. 459)<\/p>\n<p><strong>11<\/strong> R\u00f6ssel, Karl: Unsere Opfer z\u00e4hlen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg (Freiburg, 2009. http:\/\/audioarchiv.blogsport.de\/index.php?s=karl+r%C3%B6ssel, abgerufen am 26.10.2015)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Folgenden soll ein kurzer \u00dcberblick \u00fcber die koloniale Geschichte des Deutschen Reichs gegeben werden. Die Voraussetzung f\u00fcr den deutschen Kolonialismus wurde 1871 mit der Proklamation des Deutschen Reiches in Versailles geschaffen. 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